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Die_Wirtschaftliche_Entwicklung

Wirtschaftliche und industrielle Entwicklung

Die industrielle Entwicklung war ein an zunehmender Bedeutung gewinnendes Moment zur wirtschaftlichen Erschließung des Landes, zur Steigerung des Wohlstandes und zur Existenzgründung des aus Not von der Landwirtschaft abgedrängten Teiles der Bevölkerung. Die primitiven landwirtschaftlichen Geräte wurden durch neuzeitliche Maschinen der eigenen Industrie ersetzt. Pflüge aller Art, Sämaschinen, Scheiben- und Schuhdriller, Maissetzer und Maisrebbler, Traubenmühlen, Weinpressen, Mähmaschinen, Putzmühlen wurden in den Fabriken von Karl Layher und Erben, gegründet 1884, Jakob Staib, Emanuel Heer, Rudolf und Eduard Heer in Sarata hergestellt; in Arzis von Jos. Meske und Job. Bogner und Söhne; in Tarutino von Johann Küst ("Progreß"); in Borodino von Gottfr. Bippus; in Gnadental von den Gebr. Kappler und von Ph. Gebhardt. In den Gemeinden Teplitz, Wittenberg und Alt-Posttal wurde der weithin in Südrußland geschätzte Kolonistenwagen gebaut; ebenso bekannt waren die Leiter- und Gabelmacher von Alt-Elft und Paris. - Eng mit der Landwirtschaft verbunden war die Mühlenindustrie, die sich von der Roß- und Windmühle zur Mahl- und Hochmühle entwickelte. Während es am Schlusse dieser Entwicklung in den meisten Dörfern eine Bauernmühle, gab, zeigt die folgende Statistik die Anzahl und Größe der Hoch-und Handelsmühlen, die in deutschem Besitz waren:

Ort        Besitzer     Tag/Güterwagen   Erbauer              Baujahr
Beresina   Pogreß       1 1/2 bis 2      Luther, Braunschweig 1924
Arzis      Cogalnic AG. 3                Luther, Braunschweig 1930
Borodino   Gebr. Schock 2 Sack,                  Dresden
Neu-Sarata G. Harmel   2                ausgebaut von Miag
Tarutino   G. Harmel   1                ausgebaut von Miag
Mariewka   Irion       1 bis 2          ausgebaut von Miag
Komrat     Gebr. Lemke 2                ausgebaut von Miag  1935
Brienne    Schuh       1 1/2 bis 2      ausgebaut von Miag  1938

Aus den primitiven Anfängen der Heimfertigung entwickelten sich Tuchfabriken, Walkereien und Färbereien, deren Ruf sich in ganz Bessarabien und über dessen Grenzen hinaus verbreitete: Solche Fabriken bestanden in den Gemeinden:

Tarutino (4) Rudolf Bannasch, W. Steinke & Söhne, Scherible, Erdmann
Arzis (3) Kraft, Meichsner, Widmer
Teplitz (1) Jesse
Gnadental (1) Marks
Sarata (1) Ruck
Tatarbunar (1) Jesse

Die Firma Rudolf Bannasch hatte den weitesten Aktionsradius und lieferte ihre Tuche in die größten Warenlager Rumäniens. Auch der Handel, ursprünglich fast ausschließlich in fremden Händen, entwickelte sich verheißungsvoll. Dazu verhalfen die im deutschen Wirtschaftsverband zusammengefaßten und mit ihm zusammenarbeitenden Gesellschaften, Unternehmungen und Vereine wirtschaftlicher Art. Ihm gehörten 1940 an: 34 Konsum- und Gemeindeläden, 40 selbständige Molkereien, 18 Volksbanken mit deutscher Verwaltung, 3 deutsche Banken und 2 landwirtschaftliche Genossenschaften sowie der Landwirtschaftsverein in Sarata. Von großer Bedeutung für die deutschen Bauern war die Getreide-Aufkaufgesellschaft "Budschak" mit dem Sitz in Akkerman. Trotz der steigenden Entwicklung von Industrie und Handel trug die deutsche Bevölkerung Bessarabiens bis zur Umsiedlung einen bäuerlichen Charakter. Die berufliche Gliederung war folgende:

Landwirtschaft 81,79 Prozent Industrie 1,99 Prozent
Handwerk 12,39 Prozent Geistige Berufe 1,60 Prozent
Handel 0,85 Prozent Sonstige Berufe 0,80 Prozent

Die gute Verwaltung der deutschen Gemeinden durch das Fürsorgekomitee ist nach allen Berichten des Jahres 1848 neben dem Segen des Himmels Grund der Aufwärtsentwicklung und des Wohlstandes gewesen. Schon die Kaiserin Katharina d. Gr. hatte in ihren Aufrufen vom 22. Juli und 4. Dezember 1762 denjenigen, "die sich in besonderen Kolonien und Flecken ansiedeln, überlassen, wie die Einrichtungen ihrer inneren Gerichtsbarkeit ausgeübt werden sollen, im übrigen aber müssen sie sich unserem bürgerlichen Recht unterwerfen" (A. Mauch). Dieses Zugeständnis hat sich zum Segen der Kolonisten bis zum Jahre 1871 ausgewirkt. Sie hatten weithin eine Selbstverwaltung, aus der eigentlich nur die Kriminalsachen ausgeklammert und der staatlichen Gerichtsbarkeit unterstellt waren. Der Aufbau der Verwaltung gliederte sich in drei Stufen: die Dorfverwaltung, das Gebietsamt und das Fürsorgekomitee. Im Dorf regierte der Dorfschulz mit Unterstützung von zwei Beisitzern, die mit ihm auf drei Jahre gewählt wurden. Der Schulz hatte für Zucht und Ordnung zu sorgen, die Beisitzer teilten untereinander die Sorge um die wirtschaftlichen Belange, wie Gemeindezuchtvieh, Hirtensachen, Feuerschutz und anderes. Die besonderen Aufgaben des Dorfschulzen waren die Bekanntmachung und Durchführung der behördlichen Verordnungen, Erbschafts- und Waisensachen, Ehekontrakte und andere. Er empfing seine Vollmacht von der Gemeindeversammlung laut Gemeindespruch. Dieser, von allen stimmberechtigten Gemeindegliedern unterschrieben, war ein unwiderrufliches Dokument. Unbotmäßigkeit konnte der Dorfschulz rügen und mit einer Geldstrafe belegen. Zwei oder mehr "Hilfspolizisten" (Desjatzki) standen ihm zur Seite, die auch die Dorfwache (Selbstschutz) kontrollierten. Der Dorfschreiber war seine rechte Hand und war ein gesetzeskundiger Mann. Über dem Schulzenamt stand das Gebietsamt mit dem Oberschulz an der Spitze. Die Amtskette mit dem Bild des Kaisers auf einer Plakette gab ihm eine besondere Würde. Er war auch mit richterlichen Befugnissen ausgestattet und konnte höhere Strafen auferlegen. Der Wolostrichter und drei Beisitzende standen dem Oberschulz zur Seite und bildeten das Wolostgericht. In den ersten Jahren wurden außer den kriminellen, alle Gerichtssachen des Gebietsbezirks hier erledigt. Es handelte sich um ähnliche Sachen wie in der Einzelgemeinde, nur im Maßstab des Bezirkes. Dazu kamen die Waisenkassen und die Brandkassen. Der Oberschulz hatte anordnende Gewalt über die Gemeinden und empfing die Anordnungen von dem Fürsorgekomitee. Die Gründung der Waisenkassen geht auf eine Anordnung des Fürsorgekomitees aus dem Jahre 1869 zurück. Die Statuten der Waisenkasse fanden am 11. Juni 1871 die allerhöchste Bestätigung. Bis dahin haben die Vormünder in der Gemeinde das Waisengeld verwaltet und gegen Bürgschaft ausgeliehen. Die erste Waisenkasse wurde 1869 in Klöstitz gegründet. Die ausgeliehenen Gelder brachten nach einem festgesetzten Zinsfuß eine Vergrößerung zugunsten der Waisen und einen Überschuß für kulturelle Zwecke, die der Gemeinde manchmal einen guten Dienst taten. Ein weiteres Aufgabengebiet des Gebietsamtes waren die Brandkassen, die 1849 auf Anordnung des Fürsorgekomitees gegründet wurden. Auch sie erhielten die Bestätigung von Höchster Stelle am 14. Juli 1867. Man behalf sich bis dahin in den Gemeinden ohne Organisation, und es ist bewundernswert, welch ein Gemeinschaftssinn in Katastrophenfällen zum Ausdruck kam. Ein niedergebranntes Haus stand in kurzer Frist neu aufgebaut wieder da. Wir hatten in siebzehn deutschen Gemeinden Gebietsämter, von denen die einen nur deutsche Gemeinden umfaßten, andere zählten zu ihrem Bereich auch fremdstämmige Dörfer; umgekehrt gehörten manchmal deutsche Gemeinden als einzige zu fremdstämmigen Wolostämtern. Einige Gemeinden hatten ein eigenes Gebietsamt. Die Gebietsämter (Wolosten) in den deutschen Gemeinden Bessarabiens nach dem deutschen Volkskalender 1921, S. 33 ff.

Name         Gründungsjahr        Oberschulzen(1921)     Wolostschreiber (1921)
Albota                           I. Nittel
Arzis        1872                Fr. Dux                Chr. Erdmann
Eigenheim    1882                Job. Barreiter
Eigenfeld    1882                G. Unterseher
Josefsdorf   1883                Rohmann
Klöstiz      1818                Mammel                 G. Schumaier
Kulm         1872                N. Leischner           D. Wölfle
Krasna       1873
Leipzig      1909                Fr. Lächelt            D. Tobler
Neu-Elft                         I. Widmer              R. Tschritter
Paris        1872                I. Suckut              A. Krämer
Neu-Posttal  1880                Chr. Fischer           Chr. Neth
Alt-Posttal* 1823                J. Widmer              N. Tschritter
Sarata       1822                J. Wagner              I. Schnaidt
Schabo
Tarutino     1872                M. Krüger
Teplitz      1898                I. Buchfink            H. Klotz

* Von 1818 bis 1823 Gebietsamt Wittenberg, danach AIt-Posttal

Über den Gebietsämtern stand das Fürsorgekomitee in Odessa mit dem Bezirkskontor in Tarutino. Es hatte eine lange Vorgeschichte und wurde zuletzt, nachdem sich durch unsere Vorfahren neue Aufgaben ergaben, im Jahre 1818 von Jekaterinoslaw nach Odessa verlegt. Die Alteren unter uns haben von ihren Großeltern noch von dem Präsidenten General Insow gehört, der ein hilfsbereiter, freundlicher aber strenger und gerechter Herr war. Der Präsident war der Verbindungsmann zu der Regierung in Petersburg. Da unsere Vorfahren den letzten Teil der beiden Kolonisationsperioden bildeten und die russische Regierung auf langjährige Erfahrungen zurückschauen könnte, haben sie es leichter und besser gehabt als diejenigen, die keinerlei Vorbereitungen angetroffen und Schreckliches durchzumachen hatten.

Die Präsidenten des Fürsorgekomitees in Odessa waren (nach J. Becker):

General Insow 1818 bis 1841 lslavin 1856 bis 1858
Staatsrat v. Hahn 1841 bis 1849 Hamm 1858 bis 1866
Baron v. Rosen 1849 bis 1853 Lisander 1866 bis 1867
Baron v. Mestacher 1853 bis 1856 Oettinger 1867 bis 1871

Den Großen am Zarenhof war das Fürsorgekomitee als Sonderbehörde häufig ein Dorn im Auge. War doch nicht umsonst der vorübergehende Charakter dieser Behörde von Anfang an betont worden.

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